Mit Tocotronic auf dem Narrenschiff

das tocotronic-konzert gestern abend, eine angekündigte reise mit dem narrenschiff. ‘pure vernunft darf niemals siegen’, so der dialektik-der-aufklärung-lastige hit vom aktuellen album.

höhepunkt war der schluss. ‘neues vom trickser’ endete in einem sonic-youth-artigen gitarren- und rückkopplungsgewitter. immer wieder der refrain: “einszueins ist jetzt vorbei”. bis mir durch den kopf ging: klar, das meint die aufkündigung des klassenkompromisses.

da die letzten worte v.lovzows, geschrien aus vollem hals über das die lärmwand hinweg: ‘halsmaul deutschland’. dann noch auf dem boden rumkriechend rückkopplungen bastelnd und schluss. das war punkrock.

materialien:

  1. Sebastian Brants ›Narrenschiff‹ war bis zu Goethes ›Werther‹ das erfolgreichste Buch in deutscher Sprache. Erstmals gedruckt zur Fastnacht 1494 in Basel, schildert es menschliche Schwächen und Verfehlungen im satirischen Sinnbild des Narren und greift dabei mittelalterliche Traditionen auf, die in humanistischer Perspektive, aber auch im Kontext des oberrheinischen Fastnachtstreibens, konkretisiert und neu gedeutet werden. In der Beigabe von Holzschnitten, die wohl teilweise von dem jungen Albrecht Dürer stammen, nutzt Brant bewusst die Möglichkeiten des neuen Druckmediums. Das ›Narrenschiff‹ kann als literarisch gefilterter Spiegel der Umbruchszeit um 1500 gelesen werden und bietet sich (etwa im Verständnis von Michel Foucault) als Dokument frühneuzeitlicher Fortschrittsskepsis an. In der lateinischen Version von Jakob Locher (›Stultifera Navis‹, zuerst 1497) hat das ›Narrenschiff‹ auf die zeitgenössische Literatur und Kultur weiter gewirkt, wie etwa Murners ›Narrenbeschwörung‹ und ›Schelmenzunft‹, die Straßburger Narrenschiff-Predigten Geilers von Kaysersberg und Erasmus’ von Rotterdam ›Lob der Torheit‹ bezeugen.
  2. http://ik.euv-frankfurt-o.de/module/modul_IV/archaeologie.html
  3. Michel Foucault sagt in «Eine Geschichte des Wahns im Zeitalterder Vernunft»: «Man könnte fast sagen, dass Wasser viel mit Wahnsinnzu tun hat. Und Wasser hat auch viel mit Emigration zu tun. Viele wichtige Episoden der Emigration bestehen aus dem Überqueren desMeeres, oft mit einem Schiff.» Das Narrenschiff nahm eine besondere Stellung in den metaphorisch-maritimen Diskussionen der damaligen Zeit ein. Foucault erwähnt, dass im frühen 15. Jahrhundert Wahnsinnige und Geisteskranke auf Schiffen fortgebracht wurden. Das Narrenschiff diente dazu, die Irren, die aus der befestigten Stadt Nürnberg vertrieben wurden, auf eine ziellose Reise mitzunehmen. Die Passagiere gehörten nirgendwo mehr hin.

06. April 2005 von mois
Kategorien: News, Popkultur | Schlagwörter: | 1 Kommentar

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